...damit es stimmig ist...
Am Anfang war das Wort
Johannes 1, 1
Info
Jeder Redner ist gerade so gut, wie seine Stimme. Mit ihr kann er seinen Zuhörer für sich einnehmen, für eine Sache werben und gewinnen, ohne viel sagen zu müssen. Jede einzelne Stimme hat verschiedene Farben und Facetten: Drohung, Sachlichkeit, Werbung, Verführung, Souveränität. Jeder Sprechende ist von seiner Stimme abhängig wie der Musiker von seinem Instrument.
Insbesondere für Berufsredner ist sie von existenzieller Bedeutung. Denn ohne Stimme ist Kommunikation nur schwer möglich. Beschwerden, die bei mangelnder Stimmhygiene eintreten können, sind vermehrte Anstrengung beim Sprechen, anhaltende, und sogar zunehmende Heiserkeit, schnelle Stimmermüdung, Druck und Kloßgefühl im Hals oder schlimmsten Falles das völlige Wegbleiben der Stimme. Deshalb bietet die Stimme nicht nur ein großes Potential, das entwickelt werden kann - Sie muß auch gepflegt werden.
Wie funktioniert eigentlich unsere Stimme?
Um gut mit unserer Stimme umzugehen, wollen wir sie zunächst kennenlernen. In unserem Kehlkopf befinden sich die Stimmlippen (ugs.: Stimmbänder). Diese werden von der ausströmenden Luft in Schwingung versetzt. Das wiederum ergibt einen hörbaren Ton, der in Mund-, Nasen- und Rachenraum zu den uns wohlbekannten Lauten geformt wird. Wie der Luftverbrauch optimiert werden kann, dazu ist im Kapitel "Atmung" eine Übung beschrieben.
Dass wir mit unserem Kehlkopf Töne erzeugen können, ist eine sehr späte Erfindung unserer Bio-Konstruktion. Ursprünglich benötigte der Mensch den Kehlkopf lediglich als Weiche zwischen Schlund und Luftröhre. Damit auch alles dahin kommt, wo es hingehört. Dass sich unser Kehlkopf zum Sprechapparat entwickelt hat, ist demgegenüber "nur" eine Sekundärfunktion.
Im folgenden wird es um Übungen zum richtigen Umgang mit dieser uns so lieb und teuer gewordenen Sekundärfunktion gehen. Damit sie, unsere Stimme, ihre Möglichkeiten entfalten kann und damit SIE Ihre Möglichkeiten entfalten können.
Um an der Stimme zu arbeiten, ohne sich dabei Gefahren auszusetzen, etwas verkehrt zu machen, sich etwas Falsches anzugewöhnen oder sogar die Stimme zu schädigen, braucht man die professionelle Begleitung eines Sprecherziehers oder eines Logopäden. Dennoch wollen wir Ihnen hier ein paar Übungen anbieten, mit denen Sie Ihre Stimme kennenlernen und dadurch verbessern können.
1. Erste Stimmwahrnehmung
Legen Sie bitte Ihren Kopf in den Nacken und sprechen (phonieren) Sie den Laut "o". Während Sie das "o" sprechen, nehmen Sie den Kopf allmählich nach vorne, bis Ihr Kinn auf dem Brustkorb ankommt. Sie werden dabei erstaunliche Veränderungen des Stimmklanges wahrnehmen. Wiederholen Sie die Übung, bis Sie sich "eingehört" haben, und halten Sie dann den Kopf bei der Abwärtsbewegung genau da still, wo der Ton am schönsten und vollsten für Sie klingt.
2. Der Brustton der Überzeugung : LASSO-SCHWINGEN
Die meisten Sprechenden, die überzeugen oder dominieren wollen, machen den Kardinalfehler, dass sie zu laut und zu hoch sprechen. Gerade in dieser Mischung liegt die Tücke, da gerade das verkrampfte zu laut Sprechen zu den gravierenden stimmschädigenden Fehlern gehört. Dabei ist es erstaunlich, wie laut und tragend die Stimme sein kann, ohne sie über Gebühr zu strapazieren.Der Ton kommt dabei aber aus der Brust und nicht aus dem Hals.
Dazu folgende Übung: Stellen Sie sich vor, Sie schwingen über Ihrem Kopf ein Lasso. (Sie können natürlich auch mit einem echten Seil arbeiten. Würde den Spaß bei der Sache sicher erhöhen.) Begleiten Sie das Lasso-Kreisen mit rhythmischen "Hoo Hoo Hoo"-Rufen.
Lassen Sie die Knie dabei leicht gebeugt sein. Die Haltung ist dadurch dynamischer. Wenn es auf Dauer in die Oberschenkelmuskulatur geht, dann machen Sie es richtig.Steigern Sie den Radius der Lassoschlinge und entsprechend das Volumen Ihrer Rufe. Dennoch sollten die Laute wie von selbst kommen. Jedes Gefühl von Anstrengung deutet darauf hin, dass der Ton aus dem Hals kommt. Auf keinen Fall sollten Sie die Stimme überfordern. Versuchen Sie es lieber mehrmals und steigern Sie allmählich.
Zwischendurch hilft folgendes: Um den Resonanzraum zu weiten unterbrechen Sie die Übung und gähnen Sie einmal so ausgiebig wie möglich. Dazu alle Gliedmaßen strecken. Wenn Sie beim Gähnen einen Laut von sich geben, dann hat dieser genau die richtige Tonqualität. Überprüfen Sie Ihre Tiefenatmung. Versuchen Sie es dann noch einmal mit dem Lasso. Wenn Sie lange genug gekreist haben, dann stellen Sie sich ein Pferd in ein paar Meter Entfernung vor, dem sie mit einem kräftigen "Hooii" zum Ende der Übung das Lasso um den Hals werfen. (Für eingefangene Vorhänge oder Lampenschirme können wir leider keine Haftung übernehmen.)
3. Den längeren Atem haben: Abspannen mit der "Lokomotive"
Stellen Sie sich wieder hin, die Beine schulterbreit auseinander. Heben Sie beide Arme in Brusthöhe vor Ihrem Körper und ballen Sie die Fäuste. Ziehen Sie unter zunehmenden Kraftaufwand beide Hände zum Körper. Auf dem Höhepunkt der Aktion lösen Sie die Hände und lassen die Arme wieder nach vorne schnellen. Wiederholen Sie diesen Bewegungsablauf und phonieren Sie dazu kräftig "sch - sch - sch" im gleichen Rhythmus wie die Armbewegung. Beginnen Sie langsam und steigern Sie ganz langsam das Tempo.
Sie sollen dabei nicht nachatmen: Durch das Zurückfedern der Bauchmuskeln füllt sich die Lunge von selbst wieder. Das heißt, Sie können diese Übung über geraume Zeit machen, ohne nachzuatmen. Gelingt es nicht so richtig, so sprechen Sie das "sch" noch härter und lassen sie sich Zeit. Es reicht, langsam zu beginnen. Die Übung ist dann erfolgreich, wenn Sie nicht nachatmen müssen. Wichtig: zum Beginn der Übung nicht übermäßig Luft holen, sondern aus der "normalen" Mittellage heraus anfangen.
eim alltäglichen Sprechen gelingt das Abspannen nur, wenn die Artikulation sehr deutlich ist. Es geht dabei nicht um Hochlautung, also gegen Ihren Dialekt, sondern einzig um die deutliche Aussprache (Formstufe). Denn nur deutlich artikulierte Konsonanten "t, p, k, sch, ..." ermöglichen, dass sich die Lunge federnd wieder füllt. Deshalb jetzt diese Übung. (Darüber hinaus lässt sich Lautbildung nur mit Hilfe eines fachkundigen "Ohres" bewerkstelligen.)
4. Zur Verbesserung der Artikulation: Korkensprechen
Nehmen Sie einen Korken wie ein Zigarre in den Mund und halten ihn mit den Schneidezähne fest. Lesen Sie mit dem Korken im Mund möglichst deutlich einen Text. Sie können ja gleich diesen nehmen. Um das Ergebnis zu vergleichen können Sie sich vorher und nachher mit einem Kassettenrekorder aufnehmen.
Das Ergebnis wird Sie überzeugen. Zugegebenermaßen verbessert sich dadurch die Artikulation bei dem geübten Textstück sehr viel mehr als unsere Spontansprache. Doch macht Ihnen diese Übung zum einen den Unterschied bewusst und zum andern bewirkt das zusammen mit einigermaßen regelmäßigem Üben auch eine deutliche Aussprache in Ihrem Alltag.
Das Korkensprechen gehört zu den populärsten, aber auch zu den umstrittensten Übungen in der Stimmbildung. Diese Übung zeitigt rasche Erfolge bezüglich der Artikulation. Dem steht die Gefahr gegenüber, sich die falsche Bildung von Lauten anzugewöhnen. Ich halte den Nutzen der Übung für überwiegend, möchte aber einschränkend hinzufügen, dass sich das Korkensprechen nicht als Übung auf Dauer empfiehlt. Sie lässt sich sehr gut einsetzen, um die Artikulation "aufzuwecken"; nicht nur für Gesprächsanlässe am Vormittag.
Dazu eine ergänzende Übung zur Belebung von Zunge und Mundraum.
Sie geht folgendermaßen: Stellen Sie sich vor, Sie hätten gerade etwas gegessen, und "putzen" jetzt mit Ihrer Zungenspitze die Zahnreihen von rechts bis ganz links, innen und außen und den Mundraum - soweit er für die Zunge zu erreichen ist. Je gründlicher Sie dabei sind, um so wacher werden Ihre Artikulationsinstrumente. Diese Übung hat den Vorteil, dass sie stumm vor sich gehen kann.
Lesen Sie unbedingt auch die Tipps zur Stimmhygiene auf der Seite "Notfallkoffer".